Dritter Sonntag im Jahreskreis, 21. Januar 2018


Nicht-Nachfolge (Mk 1,14-20)

Liebe Schwestern und Brüder,
ich bin jetzt nicht wirklich ein spontaner Mensch. Ich hasse es, wenn Leute unangemeldet bei mir auf der Matte stehen. Ich hasse es, wenn Dinge anders laufen, als es geplant war, weil wieder irgendjemand denkt, er müsste sich selbst verwirklichen. Ich mag es nicht, wenn ich unvorbereitet irgendwo hinkomme. Was ich anpacke, braucht ein Konzept, einen vorausschauenden Plan, ein System.

In einem Management-Handbuch aus dem Jahr 2010 habe ich gelesen, dass das „out“ ist. Sich auf Zahlen, Daten und Fakten zu stützen, alles zu analysieren und dann eine rationale, sachliche Entscheidung zu treffen, ist von gestern! Hirnforscher haben jetzt wohl herausgefunden, dass wir Menschen viel bessere Entscheidungen treffen, wenn wir auf unser sog. „Bauchgefühl“ hören, wenn wir unsere Erfahrungen nützen oder sogar, wenn wir uns in einer Situation intuitiv auf etwas festlegen. Also spontan. Grauenhaft!

Das heutige Evangelium von der Berufung der ersten Jünger ist allerdings auch geprägt von Spontaneität, und zwar in zweifacher Hinsicht – das übersieht man leicht! Jesus war ja zu Johannes an den Jordan gegangen, um sich taufen zu lassen, und hielt sich dann vierzig Tage in der Einsamkeit auf, um nachzudenken. In der Zwischenzeit wurde Johannes verhaftet und Jesus entschied sich, wieder in seine Heimatstadt Kapharnaum in Galiläa zurück-zukehren (Mk 1,14). Durch die Taufe und die Zeit in der Wüste fühlte er sich nun bestärkt und ermutigt, mit der Verkündigung seiner Botschaft zu beginnen: Die Zeit ist erfüllt, das Gottesreich ist nahe! (Mk 1,15).
Als er am See Genezareth entlangwanderte, traf er einige Fischer, die er vermutlich kannte, denn Kapharnaum war eine recht kleine Stadt. Wahrscheinlich war er schon x-mal an ihnen vorbeigegangen, doch dieses Mal entschied er sich – spontan – diese Fischer anzusprechen! Rational und sachlich war es ein denkbar schlechter Augenblick, denn die Fischer waren bei der Arbeit, also beschäftigt, und hatten eigentlich besseres zu tun, als ihm zuzuhören. Dennoch entscheiden sie sich – spontan – sich diesem seltsamen Wanderprediger anzuschließen (Mk 1,18). Und weil es so gut gelaufen ist, wiederholt sich das Schauspiel noch einmal: Er ruft zwei weitere Fischer und auch sie entschließen sich spontan, ihm zu folgen. Ich stelle mir vor, so etwas würde mir passieren! Stellen Sie sich vor, es hätte mich am Freitagnachmittag getroffen, als ich diese Predigt vorbereitet habe. Dann wäre sie jetzt an dieser Stelle zu Ende, denn ich hätte mich spontan entschieden, mit einem Wanderprediger mitzugehen. – Hätte ich das wirklich?

Ich glaube, selbst wenn ich ein spontaner Mensch wäre, würde mein gesunder Menschenverstand mich davon abhalten! Erstens soll man nicht mit fremden Menschen mitgehen, das bringt man schon Kindern bei. Zweitens müsste sowas ja organisiert sein: Wovon würden wir leben? Wie wären wir versichert, falls was ist? Wie wären wir zu erreichen? Und drittens müsste man so etwas langfristig planen: Man muss ja frei nehmen, ich müsste Termine verschieben – z.B. diesen Gottesdienst – ich müsste mir Wanderschuhe kaufen und einen Rucksack, ich müsste mir Landkarten auf’s Handy laden – und überhaupt geht das nicht so spontan! Wir alle stehen in einem Netz aus Aufgaben und Verpflichtungen, das wir nicht einfach liegen lassen können, wie die Fischer damals.

In einem kleinen Artikel zum heutigen Sonntagsevangelium habe ich einen interessanten Satz gelesen: „Sind alle diese Gründe gut? Vielen Menschen um uns herum ist das völlig egal. Aber eine erstaunlich hohe Zahl reibt sich an unserem Nicht-Nachfolgen. Sie treibt eine religiöse Sehnsucht um, die Frage nach Gott, nach einem Sinn. Sie suchen etwas jenseits ihres Alltags, jenseits des Machbaren und Organisierbaren. Und finden es bei uns nicht. Weil wir unsere Nachfolge zurechtgestutzt haben auf die guten Gründe des Machbaren und Erträglichen.“

Ich fand diesen Blickwinkel sehr interessant und sehr entlarvend. Wir gehen ja immer von uns aus. Aber dass es Menschen gibt, die sich daran stören, dass wir so lasch und so wenig abenteuerlustig sind, weil sie uns eigentlich als Vorbilder bräuchten, um ihre eigene Laschheit zu überwinden, das hatte ich gar nicht im Blick! Ich habe nur die im Blick, die es nicht blicken – jetzt, wenn wieder im Rahmen der Erstkommunionvorbereitung die „Ungeübten“ auflaufen und sofort zu erkennen geben, dass sie keine Ahnung haben.
Jetzt frage ich mich: Wie sehen denn diese, in der Nachfolge Ungeübten, mich? Als einen, der sich traut, die Netze fallen zu lassen, alles auf eine Karte zu setzen und sich in den Dienst Jesu zu stellen? Oder als einen, der erst einmal durchrechnet, ob das alles überhaupt einen Sinn macht und sich – wenn überhaupt – in ein paar Monaten oder Jahren auf so ein Abenteuer einlässt? Trauen wir eigentlich unserer eigenen Verkündigung etwas zu? Bezeugen wir glaubhaft, dass es sich lohnt, als religiöser Mensch, als Christ, zu leben? Oder sind wir genau die gleichen Bedenkenträger und Schisshasen wie die anderen auch? Solche, die es sich am Schluss doch nicht trauen, die Segel zu setzen und aufzubrechen, sondern die dann lieber am Ufer in ihrer vertrauten Umgebung bleiben?

Ich möchte schließen mit einer bekannten Geschichte von Willi Hoffsümmer – ich glaube, sie spricht für sich, und vielleicht entdecken wir uns in dieser Geschichte: An einer gefährlichen Küste befand sich vor Zeiten eine kleine armselige Rettungsstation. Die Küste war schon vielen Schiffen zum Verhängnis geworden. Deshalb hatte sich eine Handvoll Freiwilliger hier eine kleine Hütte gebaut, um den Wachdienst zu versehen. Zu dieser Rettungsstation gehörte nur ein einziges Boot. Mit diesem wagte sich die kleine mutige Mannschaft immer wieder, bei Tag und bei Nacht, auf das Meer hinaus, um die Schiffbrüchigen zu retten.
Es dauerte nicht lange, dass dieser kleine Stützpunkt bald überall bekannt wurde. Viele der Erretteten, und auch andere Leute aus der Umgebung, waren gern bereit, die armselige Station mit Geld zu unterstützen. Die Zahl der Gönner wuchs. So konnte man sich neue Boote kaufen und neue Mannschaften schulen.
Mit der Zeit gefiel den Gönnern die kleine ärmliche Hütte nicht mehr. Die Geretteten, sagte man, benötigten doch einen etwas komfortableren Ort als erste Zufluchtsstätte. Deshalb beschloss man, die provisorischen Lagerstätten durch richtige Betten zu ersetzen. Man erweiterte das Gebäude und stattete alle Räume mit schöneren Möbeln aus. Auf diese Weise wurde die Rettungsstation allmählich zu einem beliebten Aufenthaltsort. Die Station diente den Männern als Clubhaus, in dem man gesellig beieinander sein konnte.

Gleichzeitig geschah aber auch etwas sehr Verständliches: immer weniger Freiwillige waren bereit, mit auf Bergungsfahrt zu gehen. Bei der nächsten Versammlung gab es eine Auseinandersetzung unter den Mitgliedern. Die meisten wollten den Rettungsdienst einstellen, weil er unangenehm und dem normalen Clubbetrieb hinderlich sei. Einige jedoch vertraten den Standpunkt, dass Lebensrettung die vorrangige Aufgabe sei und dass man sich doch als "Lebensrettungsstation" bezeichne. Sie wurden schnell überstimmt. Man sagte ihnen: Sie könnten ja auch woanders ihre eigene Rettungsstation aufmachen, wenn ihnen das Leben all dieser angetriebenen schiffbrüchigen Typen so wichtig sei. Das taten sie dann auch. Sie fingen ganz von vorne an mit einer kleinen erbärmlichen Hütte. Ihr guter Ruf aber verbreitete sich sehr schnell. Es gab neue Gönner, und es entstand ein neues Clubhaus. Die neue Station wandelte sich genauso wie die erste. Und so kam es dann schließlich zur Gründung einer dritten Rettungsstation. Doch auch hier wiederholte sich die alte Geschichte. Zuerst gab es wieder nur eine kleine erbärmliche Hütte. Aber der gute Ruf verbreitete sich schnell; es gab Gönner; es wurde ein Clubhaus gebaut, usw.

Wenn man heute diese Küste besucht, findet man längs der Uferstraße eine beträchtliche Reihe exclusiver Clubs. Immer noch wird die Küste vielen Schiffen zum Verhängnis; nur - die meisten der Schiffbrüchigen ertrinken!